Dienstag, 1. Juni 2010

Was haben wir da bloß angerichtet?

TV-Casting-Shows sind das mit Abstand erfolgreichste Format der frühen 2000er-Jahre, sie folgen immer dem gleichen Muster und das mittlerweile weltweit. Inzwischen werden aber nicht nur Sängerinnen und Sänger sondern Supermodels, Tänzer, Comedians, Musicalstars oder einfach Talente gecastet. Längst ist das Prinzip, schlecht beratene, beschränkt talentierte, von der Natur äußerlich vernachlässigte aber dafür mit Straßenjargon-Schnauzen ausgestattete Exemplare der Gattung 'Mensch' für irgend etwas, egal was, auszuwählen, auch in Indonesien, Kenia oder der Antarktis angekommen, während bei uns oder in anderen grossen TV-Nationen jedes Jahr bereits mehrere Casting-Shows gleichzeitig laufen müssen um den Bedarf der Zuschauer an Talent-Perversitäten zu befriedigen. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen mehr gesetzt - Shows wie "Germanys next Adolf Hitler" oder "Fickerchen" sind mit großer Wahrscheinlichkeit bereits in Planung. Und wenn sogar das dann nicht mehr so gut läuft, sucht man eben Ersatz für alternde Politiker, Sportler oder Moderatoren.

Dabei macht den Erfolg der Sendungen das darwinistische Konzept aus: der oder die Stärkste gewinnt. Und wir, das Publikum, dürfen ganz ungeniert Gott spielen, entscheiden über Gewinner und Verlierer, späteren Größenwahn oder eine Einweisung in die Nervenklinik nach erfolgtem Rausschmiss, Tod oder Überleben. Angetrieben von sprücheklopfenden Juroren feiern wir unsere Siege, ergötzen uns an dramatischen Zusammenbrüchen der Ausgeschiedenen, trinken deren Tränen. Wir sind das römische Pleps, die Zuschauer der Gladiatorenarena, zeigen mit dem Daumen hoch oder runter. Manchmal ist es auch unser Finger auf der Tastatur des Telefons oder Handys.

Dass wir uns dabei keine Gedanken machen müssen, über die Moral unseres Handeln, liegt daran, dass ja jeder Kandidat prinzipiell weiss, auf welch sadomasochistisches Spiel er resp. sie sich da einlässt. Und wenn sich, wie bereits geschehen, jemand vor Lampenfieber in die Hose macht, dann hält die Kamera voll drauf und keiner aus der Jury schützt den Kandidaten sondern es gibt immer Jurymitglieder, die zwar privat ihre eigenen Frauen schlagen, aber sich aus Ausgleich dazu in der Sendung über den verzweifelten Menschen vor dem Jurytisch lustig machen. Gut, nachher gibt es für die Demütigung eine Geldstrafe wegen eines Verstosses gegen das Jugendschutzgesetz, aber die zahlt ein Dieter Bohlen, der in jeder Show fernsehgerecht die Hemden seines Werbepartners wirksam vor der Kamara präsentiert, mit links.

Bohlen hat nämlich neben seinen eigenen Gagen für die Teilnahme an seinen Casting-Sendungen und den Werbeeinnahmen von Textil- und anderen Firmen, auch noch einen großen finanziellen Anteil an der Vermarktung der späteren Gewinner. Über seine Firmen liefert er nicht nur die erfolgreichen Songs für die jeweigen Shows, nein, er managt auch einzelne Karrieren der Gewinner vom Musikstil übers Video bis hin zur Garderobe. Ein Mensch wie er ist für solche Castings-Shows unverzichtbar, verfügt er doch über alle nötigen Kontakte in der Musik- und der TV-Branche und garantiert dem TV-Sender so, dank der Zusammenarbeit mit grossen Labels, für einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer längerfristige Erfolge mit Songverkäufen. Dieser Deal geht immer auf und ist ein Kompensationsgeschäft: der TV-Sender generiert die Popularität und bekommt dafür später Geld zurück aus den Plattenverkäufen.

"Ich finde Dich ja gar nicht so schlecht", pflegt einer wie Bohlen stets zu sagen um dann einen coolen Spruch aus der Feder eines Ghostwriters anzufügen, der den gerade zur Hinrichtung anstehenden Delinquenten gar nicht kennen konnte und deshalb so wieder persönlich aus dem Schneider ist. "Ich finde Dich ja gar nicht so schlecht...", sagt Bohlen "...als Figur in der Geisterbahn oder Brechmittel, wenn ich mal kotzen muss" und ist damit der Prototyp für andere. Heinde KLum quält ihre Kandidatinnen beim Model-Contest mit ... langen ... Pausen ... ... zwischen ... ihren Worten, bevor sie ... sagt ... "Ob ... Du ... weiterkommst ... erfährst Du ... ... ... gleich nach der Webung."

Und weil noch niemand etwas gegen solche Art der Volksverdummung unternimmt, wird uns dieser Casting-Spuk im Fernsehen mit Sicherheit auch noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Trotz leicht rückläufiger Quoten mangelt es hierzulande weiterhin nicht an nützlichen Idioten, die berühmt werden wollen. Der Andrang, sich vor laufender Kamera für immer zum Affen zu machen, weil man doch sein "Bestes" gibt und jeder sehen kann, wie limitiert dieses "Beste" ist, hält unvermindert an. Wahrscheinlich sogar, wenn es darum geht, "Germanys next Adolf Hitler" zu werden.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Der mittlere Osten

„Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben.“
Napoleon Bonaparte

Ich heiße Thorsten, mit "Th", und komme aus dem Westen. Seit ich kurz nach der Wende mit etlichen andern Gleichgesinnten in die Neufünfländer gekommen bin, bemühe ich mich, so zu werden, wie die Ostdeutschen Ureinwohner dort. Im grunde fanden die das weder rührend, noch befremdlich, sondern selbstverständlich, wollte ich doch viel von ihnen lernen. Das hatte ich mir, getreu dem Motto der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in der DDR, "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", vorgenommen. Und meine neuen Mitbürger halfen ihrem neuen Mitbürger, sich zu assimilieren, zumindest aber nicht sofort überall unangenehm aufzufallen.

Also wohne ist seit 1991 im mittleren Osten, wähle treu die linke Staatspartei, versuche mich konsequent von der Macht des kapitalistischen Marktes zu emanzipieren und zog mich anfangs sogar so an, wie ich dachte, dass sich der geborene Ostdeutsche anzieht. Ich kaufte in Antiquariaten Bücher über DDR-Fernsehserien, recherchierte alles über russische Panzern, kollektive Töpfchensitzungen, IMs und Braunkohleabbau, konnte schnell bei Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster mitreden und war allzeit bereit, mich zum Einbürgerungstest schwierigsten Prüfungsfragen zu stellen: "Wieviel PS hat ein Wartburg 353"?, "An welcher Schule wurde der Film 'Alfons Zitterbacke' gedreht?" oder "Wie hieß Margot Honecker mit Mädchenname?"

Ich sammelte Dinge, die aus der volkseigenen Konsumgüterproduktion noch zu haben waren; zuerst alles, später dann aus Platzgründen nur noch flache Dinge. Ich versuchte, möglichst viel über das Leben in der Zone in Erfahrung zu bringen und veränderte meine Sprache dahingehend, dass ich "Briefmorke" statt "Briefmarke" sagte, oder "No" statt "Ja" und ging sogar soweit, in manchen Regionen Thüringens, in denen der eine so aussieht, wie der andere heißt, also entweder Vorkäufer oder Agathe, an möglichst viele Verben ein "e" anzuhängene.

Auch ging ich mit den Jahren dazu über, auf Fangfragen wie "Na, wie geht es ihnen?" nicht mit Floskeln wie "Ich kann nicht klagen" oder "Super" zu antworten und über "Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder" zu berichten, sondern fing an zu stöhnen und ausführlich mein Leid zu erwähnen, selbst dann, wenn es mir persönlich gar nicht besser hätte gehen können. Man kann sich vorstellen, wie schwierig das Ganze für mich war, wenn man in einem Land aufgewachsen ist, in dem es sofort käufliche Autos, Nesquick Bananengeschmack und die "BILD"-Zeitung gab.

Eines Tages kam in einer Unterhaltung mit einem ostdeutschen Mitmenschen über das Führen des Hausbuches, neben peinlichem Unwissen meinerseits für drei Sekunden ein klein wenig hessischer Dialekt zum Vorschein. Mein Gegenüber sah ich entgeistert an und sagte dann: "Ich hätt es wissen müssen". Was er hätte wissen müssen, wollte ich wissen. "Du bist ein Thorsten mit 'Th'. Unsere Torsten werden alle ohne 'h' geschriebene". - Das saß!!! Zumal ich im Westen schon voll als Ossi akzeptiert bin, sobald das Gespräch darauf kommt, wo ich wohne.

"Ach, von drüben kommen sie? Merkt man gar nicht." Die meinen das vermutlich sogar als Kompliment. Bei einem Barbeque in Meerbusch wollte man doch allen Ernstes von mir wissen, ob man "früher ind er DDR" auch gegrillt hätte? Ob man dort "auch" Holzkohle gehabt hätte? Mir war nicht sofort klar, ob es sich angesichts der Thüringer Bratwurst nur um eine Dummheit oder um reine Frechheit handelte.

Als jemand, der weiß, wie wichtig es in der DDR war, sich anzupassen, antwortete ich natürlich wahrheitsgemäß: "Nachdem man den Grill mit Holzkohle bestückt und diese angefeuert hatte, wurden anschließend Fleisch oder Würste auf den Rost gelegt", sagte ich. Es folgte verblüfftes Schweigen, das erst beendet wurde, als ein anderer Gast jahrzehnte alte Gruselgeschichten von Transitreisen nach West-Berlin berichtete.

Vorsichtshalber habe ich nun meinen Vornamen um ein "h" gekürzt und versuche niemals zu vergessen, dass ein Wartburg 353 fünfzig PS hat, 'Alfons Zitterbacke' an der Nordschule in Jena gedreht wurde und Margot Honecker mit Mädchenname "Feist" hieß. Ich hoffe, dass mir irgend jemand irgendwann einmal ein Bienchen dafür gibt.

Sonntag, 7. März 2010

Strelitz und der Rolladen

Strelitz war zu Besuch in Fechenheim. Nichts weltbewegendes an sich, aber er war fast 18 Monate nicht mehr in Fechenheim gewesen. Mehr als 10 Jahre hatte er dort gelebt und unter anderem herausgefunden dass "Let it be" nicht nur "Lass es sein" sondern eher "Lass es geschehen" heißen kann. Was das letztendlich für ihn bedeutetn würde, das lernte er aber erst nach dieser einen Nacht bei Conny und Bob kennen.

Conny und Bob waren gute Bekannte von ihm. Beide hatten sich auf Jamaica kennen- und lieben gelernt und lebten nun in Fechenheim. Eine 3-Raumwohnung nannten sie ihr eigen und dort war Strelitz zu Besuch. Eigentlich wollten sie sich gemeinsam die Nacht der Oscar-Verleihung ansehen, aber Strelitz war zu müde um durchzuhalten, also legte er sich gegen 0 Uhr ins Bett und verbrachte die Zeit bis zur Hollywood-Zeremonie mit dösen.

Als er gegen 3 Uhr wach wurde, hatte die Show um den kleinen goldenen Nicht-Trommler bereits begonnen und Conny und Bob lagen schon im Wohlfühlbett. Das schmälerte Strelitzens TV-Abenteuer aber nicht im geringsten. Nachdem es im Wohlfühlbett ruhiger geworden war, ließen echte schauspielerische Leistungen auch im Fernsehen nicht lange auf sich warten. Die Herren der Ringe wurden nach und nach mit kleinen Metalhobbits verwöhnt, eine wunderschöne Denkerstirn (im Kino von einem ehemaligen Gladiator verkörpert), holte trotzdem noch auf und Strelitz spürte, dass dies so eine Nacht war, in der alles geschehen konnte.

Und tatsächlich: Kaum einer der als Favorit gehandelten Schauspieler bekam seinen langerwarteten Preis, dafür sprach die anglo-amerikanische Ausgabe des Völkischen Beobachters später von einer "schwarzen Nacht für Hollywood", dennn Whoopi Goldberg moderierte, Denzel Washington wurde bester Hauptdarsteller, Sidney Poitier bekam den Ehren-Oscar und Halle Berry
, die in ihrem aktuellen Film ganz so an die Scheibe trommelte wie einst der Hausherr bei den Flintstones (nur dass sie anstatt "Wilma" hysterisch "My Baby" schrie), Halle Berry also wurde unter den entsetzten Augen von Nicole Kidman zur besten Schauspielerin gekürt.

Die erste Farbige in vierundsiebzig Jahren Hollywood-Awards. Und weil Gwynneth Paltrow bei ihrer Krönung einst vor dem Saal-Mikrophon einem solchen Weinkrampf verfiel, dass sie allein hierfür schon einen Oscar verdient gehabt hätte, wollte Mrs. Berry nun beweisen, dass die Schwarzen Frauen den weißen durchaus das Taschentuch reichen oder besser gesagt vollheuen können. Um es kurz zu machen: Hally schlug Gwynneth um Längen und James Cameron war so bewegt, dass ihn Mrs. Berrys Wasserfall spontan zum Remake des eigenen Katastrophenfilm inspirierte; aber das ist eine andere Geschichte.


Um kurz nach sehs Uhr an diesem Morgen ging Strelitz ob solcher Fernsehereignisse befriedigt, wie selten nach einer langen Hollywood-Nacht, in die Küche von Conny und Bobs Wohnung und öffnete den Rolladen. Das heißt: Er versuchte ihn zu öffnen. Auf halber Strecke jedoch entschloss sich der Rolladen anders, löste seinen Sicherheitsgurt und fiel, einer Guilloutine gleich nach unten. So muss es sich angehört haben, dachte Strelitz, als die Franzosen 1789 ihren heißgeliebten König einen tiefen Einblick in die Bastkörbe der neuen Republik verschafften. Und was hatte es den Franzmännern gebracht? Schon wenige Jahre später hatten sie einen kleinen, dicken Korsen als neuen König und Weltbeherrscher. Aber den Versuch war es alle Mal wert, denken sich heute noch die Franzosen. In Fechenheim und 209 Jahre später war es dann nicht ganz so schlimm gekommen, denn Strelitzens Fallbeil hatte nur die frisch geknospeten Blumen auf Connys Fensterbank erwischt und die ließen nun ihre Köpfe hängen.

Was, so fragte sich Strelitz, war jetzt zu tun? Conny und Bob lagen immer noch fest in Morpheus Armen. Sollte er sie indiskret wecken und vom Fall des Rolladens erzählen? Das schien ihm keine gute Idee, denn sicherlich würden sie ihn fragen, warum er sie '89 in der Nacht des Mauerfalls nicht geweckt hatte, dies aber jetzt wegen eines defekten Rolladens tat.

Sollte er es vielleicht verschweigen? Auch das schien ihm keine gute Lösung. Natürlich, der Gurt ist schnell wieder in den Rolladenkasten gezwängt, der Rolladen provisorisch fixiert bis zum nächten Zug am Gurt. Und Strelitz könnte dann das Unschuldslamm spielen, so als hätte er mit der Sache absolut nichts zu tun. Aber entsprach so etwa tatsächlich seinem Stil? - Nein.


Die Beatles kamen ihm in den Kopf. "Lass es sein" oder "Lass es geschehen", das war hier die Frage. Und Strelitz lies es sein. Das Schwindeln. Er erzählte Conny und Bob nach deren Erwachen heroisch, dass es allein seine Schuld war, die reine Schuld und nichts als die Schuld von ihm. Und dann kaufte er einen neuen Rolladengurt, schraubte die komplizierte Abdeckung des Rolladens ab und schob den Rolladen nach oben, befestigte den neuen Gurt, schraubte alles wieder zusammen, montierte das Ende des neuen Gurtes an der unteren Rolle und alles war wieder gut und alle waren zufrieden. ... Soweit jedenfalls sein Plan. Die Sache hatte nur einen einzigen Haken: Die Rolladen-Fachgeschäfte hatten bis mindestens um neun Uhr morgens noch geschlossen. Und um diese Zeit wollte er gereits wieder auf der Rückfahrt nach Hause sein
.

Also schrieb er einen Zettel und legte den in die Küche. Auf dem stand: "Danke für alles. Ich musste weg und ihr habt noch geschlafen. Aber Ihr solltet gelegentlich einmal den Rolladen nachschauen; als ich ihn öffnen wollte hat er so komisch gequietscht." Es ist nicht leicht ein Held zu sein, dachte Strelitz, packte leise seine sieben Sachen und fuhr dem neuen Tag entgegen. In einem offenen Ford Mustang Baujahr '64. Im linken Arm die nicht verliehenen Oscars und im rechten Halle Berry.

Film, dachte Strelitz, kann so schon sein - Film eben! Das Leben dagegen ist manchmal echt grausam und er musste an die Blumen auf Connys Fensterbank denken und dann kamen ihm die Tränen. Mit feuchten Augen sah er Halle Berry an und die wischte ihm seine Tränen aus dem Gesicht und beide fuhren so lange in den Sonnenaufgang bis sie darin verschwanden. Kurz darauf waren dann auch die auf der Rückbank des Mustangs aneinander klappenden Oscars nicht mehr zu hören.

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Hinweis: OSCAR® & OSCARS® are the registered trademarks and service marks of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences.
(aus: "nachdenkenkommtvorlesen" © 2002 von rainerWsauer, Verlag worte &musik)

Freitag, 12. Februar 2010

Fliegende Bleche I

Die BILD-Zeitung hatte sich vor einiger Zeit mit der Unterstützung eines Fotoapparates im Rund der 139 Stuttgarter Landtagsabgeordneten umgesehen. Heraus kam ein Artikel unter dem bezeichnenden Titel "Surfen, schwatzen, dösen - so langweilen sich unsere Abgeordneten". Wörtlich hieß es da: "Nach der Pause nutzte FDP-Mann Hagen Kluck (67) den 'Hasenstall' (so wird der Plenarsaal genannt) für ein Nickerchen. Wirtschaftsminister Ernst Pfister (63, FDP) sprang von der Regierungsbank und weckte ihn". FDP-Mann Gluck hieße nicht Hagen, wenn ihn das kalt gelassen hätte. Dem TAGBLATT sagte er einen Tag später erregt und empört über den BILD-Artikel: "Wenn ich schlafen will, mache ich das nicht im Plenarsaal sondern in einem der Klub-Sessel in der Lobby."

Ich mutmaße mal, dass Ihnen auch das Folgende gefallen wird:
Dass ein Mensch bei uns in Deutschand, so lange als "mutmaßlicher" Täter zu gelten hat, bis er von einem ordentlichen Gericht für seine Tat rechtskräftig verurteilt wurde, ist hinlänglich bekannt und fußt auf der Unschuldvermutung. - Dass in Zeitungen oft und viel Blödsinn steht, das wissenwir auch. Trotzdem überrascht gelegentlich, wie Zeitungen mit der Unschuldvermutung umgehen. Da heißt es etwa in der...ich sage es jetzt lieber nicht...Zeitung: "Unbekannte legten Absperrgitter auf Gleiskörper: Die Fahndung nach den mutmaßlichen Tätern läuft." oder mann muss lesen: "19-Jähriger in der Innenstadt erstochen: Der mutmaßliche Täter ist unbekannt." oder: "Zu Tode geprügelt wurde der Fernsehstar in seiner New Yorker Wohnung gefunden. Augenzeugen zufolge soll es vor der mutmaßlichen Tat zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Begleitung gekommen sein." - Ja, ja. Es steht oft und viel Blösinn in unseren Zeitungen.

Aber das Fernsehen ist ja nicht viel besser. Tatort: Fußballendspiel Spanier gegen Holland. Aussage des Reporters: "Man kann jetzt schon sagen, dass es in einem Endspiel noch niemals so viele gelbe Karten gegeben hat. Zumindest nicht bei dieser WM." Ja, dafür lieben wir unsere Führungskräfte am Mikrofon.

Über TV-Bilder kann man sich ja bekanntlich trefflich streiten. Meistens machen dies in TV-Talkshows zwei Politiker, ein Politikwissenschaftler und ein Politikforscher. Der eine Politiker ist oft Gregor Gysi. Das Ganze hört sich dann in etwa so an:

MODERATORIN = Auf der Aufnahme sieht man zwei Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude. Einer trägt ein Schild, auf dem "Ich wähle links" steht. Was sagt uns das?

POLITIKFORSCHER = Das Foto sagt uns, dass rund 50 Prozent der Demonstranten vor dem Reichstag links wählen.

POLITIKER = Also, ich sehe nur einen der links wählt.

GREGOR GYSI = Das ist ja jetzt Quatsch. Mindestens einer von denen wählt ja wohl links. Und der andere traut sich halt im Moment nicht, sich auch dazu zu bekennen.

POLITIKWISSENSCHAFTLER = Eines ist klar, meine Herren: vor dem Reichstag gibt es mindestens einen Demonstranten, der vorgibt links zu sein. Wie es in ihm tatsächlich aussieht und was er früher gewählt hat, bedarf noch einer genaueren Analyse.

Übrigens: In Wien will die Friedhofsverwaltung mir der Abwärme des Krematoriums die Heizung ihres Verwaltungsgebäudes speisen, anstatt sie ungenützt durch den Rauchfang zu blasen. Ich finde das zumindest ökonomisch vernünftig.

Dienstag, 9. Februar 2010

Berlin ist, wenn man trotzdem lacht

Sie kennen das ja meine Lieben,

"Berlin ist, wenn man trotzdem lacht". Und das ist ja auch so, war es schon immer, nur dass Berlin eine Zeit lang im Westen lag und Bonn hieß und die DDR es vierzig Jahre lang verhindert hat, dass Bonn rübermacht und zum wahren Regierungsstandort aller Deutschen wird. Zum Glück ist das ja heute alles Geschichte, gewendet und für gut befunden. "Berlin ist, wenn man trotzdem lacht", da haben seit 1990 ja viele schon ganz gut mit gelebt. Wowereit als regierender Bürgermeister, Kohl als regierender Chef, Schröder als Autopilot mit der ruhigen Hand und nun unsere Bundekanzlerin. Und die macht ja ihrer Partei große Freude, setzt die Parteiprioritäten exakt um. CDU = Chaos durch Unterlassen. Und die Freien Demokraten, die FDP, die Freunde der Panik, mischen immer eifrig mit.

Und trotzdem gibt es immer wieder Streit in der Koalition. Die CDU wirft der FDP vor, die erzeuge Chaos, die Freien Demokraten wiederum halten den Christdemokraten vor, die CDU fühle sich für die Panik zuständig, was die Grundfeste der FDP-Politik erschüttern würde. "Und was macht de CSU?" wird in diesen Zusammenhängen auch gefragt? Dabei ist die Antwort hierauf ganz einfach: Die CSU besteht aus Horst und Karl-Theodor. Der Freiherr verteidigt sich selbst und seine Kunduz-Affäre und Horst Seehofer, der befruchtet die Verhältnisse in Berlin. So ist das und daher kommt ja auch der Spruch "Berlin ist, wenn man trotzdem lacht". Kein Wort von mir übrigens zur Opposition, das hatte ja der Sektenbeauftragte der Bundesregieurng so festgelegt.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Wer regiert die Welt?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, verehrte Anwesende,

ich darf sie hier recht herzlich als Bundestagsabgeordneter begrüßen, als Volksvertreter wie man so schön sagt. Sie alle wissen es ja, meine Damen und Herren, wir treffen stellvertretend für sie die wichtigen Entscheidungen des Lebens, immer zum Wohle des Volkes. Diäten sind für uns, sind für mich, immer ein Thema. Diäten sichern die Unabhängigkeit des Volksvertreters, neben den Zuwendungen der Lobbyisten, manche Leute wollen das ja nicht bar haben. Jetzt wissen Sie, was Hüsch gemeint hat mit "durch die Bank". Ja, durch die Bank sind wir alle unabhängig in unseren Entscheidungen. Deshalb habe ich damals ja auch für den Bankenrettungsfond gestimmt.

Ich engagiere mich jede Woche weit mehr als 100 Stunden für meinen Wahlkreis, für die Bedürfnisse meiner Wähler und deshalb, weil ich mich ja seinerzeit auch selbst gewählt habe, auch für mich. Nehmen wir doch einmal die Probleme in unserer Gesellschaft, die durch Arbeitslosigkeit, Vorbehalte gegenüber Ausländern, durch Prostitution oder aber Alkoholismus verursacht werden. Das sind meine vordringlichen Themen. Erst jüngst habe ich als Bundestagsabgeordneter einen Bordellbesuch gemacht. Ich sage das ganz offen: Ich habe da keinerlei Tabus oder Berührungsängste. Das habe ich auch meiner Frau gesagt, nicht meiner ersten. Wir sind ja seit einiger Zeit geschieden, die Entfremdung war einfach zu groß. Sie zuhause mit den Kindern, ich die ganze Zeit in Berlin. Wie gut, dass ich da Dagmar hatte, meine Büroleiterin. Die hat mir über viele Höhe und Tiefen hinweggeholfen und deshalb habe ich sie ja dann auch geheiratet, die Schwangerschaft war da nicht das bestimmende Thema. Und die Kiara-Sophie ist ja wirklich auch so süß, das können sie sich gar nicht vorstellen. Dagmar, habe ich gesagt, der Bordellbesuch geschah aus einem drängenden politischen Interesse heraus und richtig Spaß hat das auch nicht gemacht. Das war harte Arbeit, sonst hätte man das auch nicht als Arbeitsbesuch abrechnen können. Und mit den zwei ukarinischen Nymphen konnte ich auch ganz offen deren Probleme mit Arbeits- und Aufenthaltserlaubnissen besprechen. Du verstehst, Dagmar, habe ich gesagt, drei Probleme auf einmal lösen: Arbeitslosigkeit, Vorbehalte gegenüber Ausländern und Prostitution, das muss mir erst einmal in Berlin einer nachmachen. Gut, mit Paolo Pinkel kann ich noch nicht mithalten, der ist mir immer eine NAsenlänge voraus, aber immerhin.

Was die Volkskrankheit Alkoholismus angeht, da habe ich seit meiner Wahl in den Bundestag schon Intensiv-Kurse absolviert. Als armer Schlucker war ich froh, dass die Bundestagskantine das arrangiert hatte und, immerhin, jetzt kann ich mitreden bei vielen neo-classic Longdrinks. Das hat sich letzten Endes auch für die Bundesrepublik ausgezahlt, denn ich werde vom Wirtschaftsministerium inzwischen regelmäßig für Gespräche mit osteuropäischen Handelskommissionen eingesetzt. Jüngst konnte ich mit dem ukarinischen Wirtschaftsattache in angenehmer Gesprächsatmosphere bilateral dringende Probleme von Arbeitslosigkeit, Vorbehalten gegenüber Ausländern und Prostitutierten besprechen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, verehrte Anwesende, ich hoffe ich habe sie nicht zu sehr gelangweilt mit meinem kleinen Einblick in den Alltag eines Bundestagsabgeordneten. Vergessen sie dabei niemals, wenn sie an mich oder andere Bundestagsabgeorneten denken: "WIR sind das Volk", meine Damen und Herren, und so wird das auch weiterhin bleiben. So lange, bis Brüssel ruft.

In diesem Sinne ...

Sonntag, 10. Januar 2010

Mandaranen und Baninen

Mein Lieblings-App ist das "Laus"!? Nein, das ist kein Handyspiel, bei dem eine Laus über die Leber gestuert werden muss, und man aufpassen muss, dass sie nicht von einer Alkoholfahne totgeschlagen wird. Mein Lieblings-App ist der "Laus"-App und wenn dann der App-Laus kommt, vornehmlich zwischen zwei Texten bei einer Lesung, gerne aber auch spontan mitten im Text, dann bin ich zufrieden.

Wissen Sie, das ist ja mit Ihnen, also mit dem Publikum, wie mit den Mandaranen und den Baninen. Auch wie mit den Zeitungen in Ostthüringen. Da gibt es die TLZ und die OTZ. In letzter Zeit werde ich den Verdacht nicht los, dass in beiden oft das Gleiche steht. Also nicht nur das selbe Thema sondern wirklich das Gleiche. Dafür geben wenigstens die Leserbriefe in beiden Zeitungen nicht unbedingt immer die Meinung der Leser wieder. Aber ansonsten ist es mit denen, als wenn die Austaauschbar sind. Mandaranen und Baninen eben. Da fehlt nicht viel und es wächst zusammen, was zusammengehört. Aus der Thüringer Landeszeitung und er der Ostthüringer Zeitung wird dann mit einem Mal die Ostthüringer Landeszeitung. merken Sie sich das gut. Die Idee stammt von mir. Wenn es mal so weit kommen sollte, dann will ich dafür Tantiemen haben. Und Sie alle sind meine Zeugen. So wahr es Mandaranen und Baninen gibt.

Wir, Sie und ich, das Publikum und der Künstler, meine Worte und Musik und Ihr Applaus gehören eben zusammen wie die OTZ und die TLZ, die Thüringen und der Kloßteig, wie Rost und Brätel oder Manderanen und Baninen.