Ich saß wieder einmal beim Essen - diesmal war's, glaube ich, der Chinese in der Grietgasse oder der Grieche in der Chinesengasse, ich hab' keine Ahnung mehr - auf jeden Fall musste ich zwangsläufig wieder ein Gespräch am Nebentisch mitanhören. Zwangsläufig, das sage ich immer, wenn es so dezent geführt wird, dann man zwei Stockwerke höher noch sagen könnte: "Genau. Das hab ich auch schon erlebt. Wem sagen sie das."
Jedenfalls: die beiden Damen waren so in ihr Gespräch vertieft, wenn man das, wenn eine redet und die andere zuhört, überhaupt ein Gespräch nennen kann, dass sie nicht bemerkten, wie ich wieder einen Zettel aus den Tasche holte und eifrig mitschrieb. Diesmal ging es nicht um Autos...ich sehe, sie kennen die Pointe: "Wie konntest du nur den Opel verkaufen...ohne mir Bescheid zu sagen...und dann auch noch in Apolda." - Genau, das haben sie auch schon mal erlebt, wem sagen ich das. Aber hier und dieses Mal ging es um etwas ganz anderes.
"Ihre Tochter will umziehen, sagt Heidrun. Die haben einen Korridor mit zwei Zimmern, Küche, Bad. Die Heidrun, die wohnt doch in Chemnitz. Jedenfalls will ihre Tochter jetzt umziehen und da braucht sie die Kaution. Also, ich hab die Heidrum noch nie im Leben gesehen, zwei Mal haben wir bisher telefoniert. Einmal als Onkel Hans gestorben war und dann, als es um das Grundstück im Crimmitschau ging, dass mein Cousin verkaufen wollte und zuerst uns angeboten hatte, aber Heindrun rief an und sagte, dass Opa festgelegt habe, dass sie das zuerst angeboten bekommen. Und jetzt rief die mich wieder an und ich dachte zuerst, dass vielleicht der Peter, unser Cousin, gestorben ist, aber nein: ihre Tochter will umziehen und braucht die Kaution, sagt sie.
Und weil es Heidrun und ihrer Tochter derzeit finaziell nicht so gut geht und wir ja damals das Grundstück in Crimmitschau gekauft hatten - ich kann dir sagen: Wir haben nur Ärger damit, dauernd ist dies zu bezahlen und das. Müllgebühr, Grundsteuer und was weiß cih alles oder es spriest wieder das Gras aus dem Gehwegpflaster durch und Bernd muss hinfahren und das Gras rausreissen, weil die Nachbarn beim Ordnungsamt angerufen haben und die Stadtverwaltung uns wegen der Vernachlässigung der Reinigungspflicht einen Brief geschrieben haben...nur Ärger mit dem Grundstück - ja, und weil wir doch jetzt das Grundstück hätten und das so immens im Wert gestiegen ist... also, woher will die das denn wissen. Gar nichts ist im Wert gestiegen, lieben Heute als Morgen würd' ich das Gelumpe verkaufen, selbst wenn ich drauflegen müsste, einfach nur weg damit, sag ich dir.
Sie kann doch nichts dafür, sagt Heidrun, dass die Tochter ein krankes Kind hat. Ja, sag ich, aber wir können doch auch nichts dafür, das sie ein krankes Kind hat. Und dann fing Heidrun an zu heulen und ich sag dir, da kannste nicht einfach auflegen. Das gebietet der Anstand. Also sage ich: Aber vielleicht hat sie ja auch einen Mann zum Kind. Und da sagt doch Heidrun: "Sandra, komm' mal her, die Tante Barbara ist am Telefon und die darfst dir jetzt was ganz Großes wünschen." - Also, da hab' ich gedacht, mein Schwein pfeift.
So etwas dreistes wie Heidrun ist mir ja schon lange nicht vorgekommen. Und dann hatte ich die Sandra am Telefon. "Also ich wünsch mir von dir die Kaution. 780 Euro." Das sagt die ganz frech ins Telefon zu mir. 780 Euro. Wo ich die überhaupt nicht kenne. Ich weiß nur, dass die Heidrun inzwischen geschieden ist und, wie mir Peter letztes Jahr verraten hat, mit einen neuen Mann zusammen ist. 61 soll der sein. Aber Heidrun hätte für ihn immer ein paar blaue Pillen in Petto. Sie will ja auch mal ihren Spaß haben, hat sie Peter erzählt. Aber schlecht soll sie aussehen, die Augen in tiefen Höhlen, abgemagert, sagt er, die Ärme werden immer dünner. Er vermutet ja Krebs dahinter. Genaues weiß er nicht. Und ich wollte ja auch nicht nachfragen.
780 Euro will die Tochter haben, von uns. Wegen dem Grundstück im Crimmitschau, mit dem wir nur Ärger haben. Kriegen kaum mit den Mieten die Unkosten rein. Na, ja, hab ich gesagt, gutes Kind. 780 Euro ist eine Menge Geld. Aber weil wir dir zu deinem Kind noch nichts dazugegeben haben...wie heißt es denn? Gerome Ive, sagt sie. Also, sage ich, wegen Jerome Ive würden wird dir 350 Euro überweisen, für die Kaution. "Du bist ein Schatz, Tante Barbara", hat sie dann gesagt und Heindrun hat im Hintegrund zum Weinen angefangen. Wahrscheinlich dachte die, dass wir die ganzen 780 geben würden, denn als die Tochter dann sagte, "Tante Barbara gibt uns 350 Euro, da hat Heidrun sofort wieder zu Weinen aufgehört.
Jetzt lach' nicht. Es war genauso, wie ich's hier erzähle. Du siehst ja, wie's läuft. Manche wollen kein Wasser, die wollen gleich gepült werden. Aber nicht mir mir. Nicht mit mit. 780 Euro - was denkst sich das Volk überhaupt? Wir kennen uns doch kaum und die melden sich nur, wenn sie einen brauchen. Aber, hier, erzähle nichts meinem Mann, der regt sich sonst wieder nur auf, wegen dem Grundstück in Crimmitschau und überhaupt."
Und draußen schneite es, schon die sechste Woche am Stück seit November, und der Schnee nahm kein Ende, wie das Gespräch der beiden Damen. Und plötzlich fiel mir auf, was das Schneechaos und Frauen gemeinsam haben: Beides ist für uns Männer unergründlich.
Montag, 29. November 2010
Dienstag, 2. November 2010
Fliegende Bleche II
Ein Mann beschwerte sich in Uniontown im US-Staat Pennsylvania beim lokalen Police Departement über die schlechte Qualität seines Marihuanas, das er kurz zuvor erworbenen hatte. Den verblüfft zuhörenden Polizisten erkläre der Mann, er habe die Substanz geraucht und sie habe widerlich geschmeckt. Eine Untersuchung ergab dann auch dass es sich bei der Substanz nicht um Marihuana handelte, so der Sherrif. Was der Mann tatsächlich gekauft hatte, wollte die Polizei nicht sagen. Trotzdem habe man den 21-Jährigen angeklagt und zwar wegen Besitzes einer gefälschten illegalen Substanz. Das meldete der "Pittsburgh Tribune-Review".
Ihren Dienst besonders ernst nahmen Drogenfahnder aus Niedersachen und Bremen, die bei Kontrollen im Hamburger Straßenverkehr Abzeichen mit Hanfblättern auf ihren Polizeiuniformen trugen. Die Beamten hätten ihre Dienstkleidung ohne Genehmigung eigenhändig mit dem Marihuana-Gewächs verziert, teilte das Innenministerium in Hannover mit. Dafür gab es einen Rüffel, denn, so ein Sprecher des Innenministeriums: "Beamte dürfen ihre Uniformen nicht eigenständig umdesignen". Das Tragen von Abzeichen auf Ärmeln und Schulterklappen der Uniform, auf denen neben dem Niedersachsenross auch Hanfblätter prangen, laufe der Dienstverordnung zuwider und "gehe so nicht".
In Porto Alegre hat ein fülliger McDonald's-Mitarbeiter von einem Gericht umgerechnet rund 12.500 Euro Schadenersatz zugesprochen bekommen, weil er während seiner zwölf Arbeitsjahre in einem Fast-Food-Restaurant über 30 Kilogramm zugenommen hatte. Der Mann erklärte dem Richter, er habe sich verpflichtet gefühlt, täglich von den von ihm hergestellten Hamburgern zu essen, um deren Qualität zu überprüfen. Es sei bekannt gewesen, dass verdeckt arbeitende Prüfer die Restaurants besuchten und Berichte über Essen, Service und Sauberkeit anfertigten. In Deutschland wäre so etwas wohl kaum möglich gewesen; bei uns wurde ja bekanntlich eine Altenpflegerin, die 17 Jahre lang in einem Seniorenheim beschäftigt gewesen war, wegen des Verspeisens von sechs Maultaschen fristlos entlassen, die im den Müll hätten wandern sollen.
Was sagt uns das? Erstens: Wenn sie schon Drogen kaufen und dann mit der Qualität nicht einverstanden sind, schauen sie zuerst auf die Uniform der Beamten. Zweitens: Wenn sie während ihrer langjährigen Arbeit zunehmen, achten sie darauf, dass sie, für den Fall, dass sie ihren Arbeitgeber verklagen wollen, einen brasilianischen Richter haben. Deutsche Richter sehen die Dinge manchmal etwas zu abstrakt. Die Kündigung wurde zwar in zweiter Instanz aufgehoben; das Arbeitsgericht in Radolfzell hatte die Kündigung aber zunächst für rechtens erklärt.
Ihren Dienst besonders ernst nahmen Drogenfahnder aus Niedersachen und Bremen, die bei Kontrollen im Hamburger Straßenverkehr Abzeichen mit Hanfblättern auf ihren Polizeiuniformen trugen. Die Beamten hätten ihre Dienstkleidung ohne Genehmigung eigenhändig mit dem Marihuana-Gewächs verziert, teilte das Innenministerium in Hannover mit. Dafür gab es einen Rüffel, denn, so ein Sprecher des Innenministeriums: "Beamte dürfen ihre Uniformen nicht eigenständig umdesignen". Das Tragen von Abzeichen auf Ärmeln und Schulterklappen der Uniform, auf denen neben dem Niedersachsenross auch Hanfblätter prangen, laufe der Dienstverordnung zuwider und "gehe so nicht".
In Porto Alegre hat ein fülliger McDonald's-Mitarbeiter von einem Gericht umgerechnet rund 12.500 Euro Schadenersatz zugesprochen bekommen, weil er während seiner zwölf Arbeitsjahre in einem Fast-Food-Restaurant über 30 Kilogramm zugenommen hatte. Der Mann erklärte dem Richter, er habe sich verpflichtet gefühlt, täglich von den von ihm hergestellten Hamburgern zu essen, um deren Qualität zu überprüfen. Es sei bekannt gewesen, dass verdeckt arbeitende Prüfer die Restaurants besuchten und Berichte über Essen, Service und Sauberkeit anfertigten. In Deutschland wäre so etwas wohl kaum möglich gewesen; bei uns wurde ja bekanntlich eine Altenpflegerin, die 17 Jahre lang in einem Seniorenheim beschäftigt gewesen war, wegen des Verspeisens von sechs Maultaschen fristlos entlassen, die im den Müll hätten wandern sollen.
Was sagt uns das? Erstens: Wenn sie schon Drogen kaufen und dann mit der Qualität nicht einverstanden sind, schauen sie zuerst auf die Uniform der Beamten. Zweitens: Wenn sie während ihrer langjährigen Arbeit zunehmen, achten sie darauf, dass sie, für den Fall, dass sie ihren Arbeitgeber verklagen wollen, einen brasilianischen Richter haben. Deutsche Richter sehen die Dinge manchmal etwas zu abstrakt. Die Kündigung wurde zwar in zweiter Instanz aufgehoben; das Arbeitsgericht in Radolfzell hatte die Kündigung aber zunächst für rechtens erklärt.
Freitag, 3. September 2010
Es ist doch so...
...meine Damen und Herren, dass Bescheidenheit eine Zier ist. Sagt man doch so, oder. "Bescheidenheit ist eine Zier, doch"...genau..."weiter kommt man ohne ihr".
In diesem Sinne möchte ich mich Ihnen einmal vorstellen. Mein Name ist Rainer Sauer, genauer gesagt: Rainer W. Sauer. "W" steht dabei für "Wahnsinnstyp"... ?!...doch, doch, fragen sie da ruhig mal meine Frau. "Wahnsinnstyp" trifft das ganze doch schon recht gut.
Ich schreibe Geschichten. Nebenbei. Im Hauptberuf bin ich, also mein Titel ist: Diplom-Verwaltungswirt. Manchmal auch ohne den Wortteil "waltungs". Aber das bescheibt nicht im mindesten, was ich so alles mache. Meine größten Erfolge hatte ich in den 80er-Jahren, als ich im Vatikan aus der Bibel laß, Geschichten, die ich selbst geschrieben habe. Doch, doch.
Meine zahlreichen Anhänger können Ihnen das bestätigen. Manche davon sind schon älter, andere sind Jünger. Jetzt wissen sie auch, was meine Frau Maria wirklich damit meint, wenn sie (zum Beispiel als ich ihr sagte, dass ich eben diese Geschichten über mich heute Abend wieder vor Publikum erzähle)...wenn diese zu mir sagt: "Oh mein Gott". Frauen meinen nämlich manchmal das, was sie sagen genau so wie sie es sagen - doch, doch.
Überhaupt ist das mit den Frauen und den Männern so eine Sache. Der Wort Herr stammt ja bekanntlich von "herrlich" ab und "Dame" von dämlich. Doch, doch. Ursprünglich gab es ja in meinem Leben nur mich. Dann kam meine Frau dazu und seither geht es eher um weltliche Dinge als um geistliche. Konkret gesagt geht es bei uns oft ums Geld und dann sage ich meiner Frau, ich kann mir das doch nicht auch noch aus den Rippen quetschen.
Jedenfalls treibe ich gelegentlich auch mal einen Schabernack mit der Welt. Zum Beispiel war ich, ich glaube, es war 2005, auf der Buchmesse in Leipzig und habe am Stand des Bibelwerks ein selbstgemaltes Schild aufgestellt als gerade keiner hinsah, auf dem stand: "Hier signiert Gott...ab 14 Uhr". - Ich sage Ihnen: Das war eine Aufregung dort.
Gott kam natürlich nicht zum Signieren - man kann ja nicht ständig omnipräsent sein. Also ein umfassendes Geschenk an die Welt, an Deutschland, an Thüringen. Aber ich wollte mich wenigstens Ihnen mal vorstellen. das ist das Mindeste, was Sie von mir erwarten können. Der Rest folgt gleich.
In diesem Sinne...
In diesem Sinne möchte ich mich Ihnen einmal vorstellen. Mein Name ist Rainer Sauer, genauer gesagt: Rainer W. Sauer. "W" steht dabei für "Wahnsinnstyp"... ?!...doch, doch, fragen sie da ruhig mal meine Frau. "Wahnsinnstyp" trifft das ganze doch schon recht gut.
Ich schreibe Geschichten. Nebenbei. Im Hauptberuf bin ich, also mein Titel ist: Diplom-Verwaltungswirt. Manchmal auch ohne den Wortteil "waltungs". Aber das bescheibt nicht im mindesten, was ich so alles mache. Meine größten Erfolge hatte ich in den 80er-Jahren, als ich im Vatikan aus der Bibel laß, Geschichten, die ich selbst geschrieben habe. Doch, doch.
Meine zahlreichen Anhänger können Ihnen das bestätigen. Manche davon sind schon älter, andere sind Jünger. Jetzt wissen sie auch, was meine Frau Maria wirklich damit meint, wenn sie (zum Beispiel als ich ihr sagte, dass ich eben diese Geschichten über mich heute Abend wieder vor Publikum erzähle)...wenn diese zu mir sagt: "Oh mein Gott". Frauen meinen nämlich manchmal das, was sie sagen genau so wie sie es sagen - doch, doch.
Überhaupt ist das mit den Frauen und den Männern so eine Sache. Der Wort Herr stammt ja bekanntlich von "herrlich" ab und "Dame" von dämlich. Doch, doch. Ursprünglich gab es ja in meinem Leben nur mich. Dann kam meine Frau dazu und seither geht es eher um weltliche Dinge als um geistliche. Konkret gesagt geht es bei uns oft ums Geld und dann sage ich meiner Frau, ich kann mir das doch nicht auch noch aus den Rippen quetschen.
Jedenfalls treibe ich gelegentlich auch mal einen Schabernack mit der Welt. Zum Beispiel war ich, ich glaube, es war 2005, auf der Buchmesse in Leipzig und habe am Stand des Bibelwerks ein selbstgemaltes Schild aufgestellt als gerade keiner hinsah, auf dem stand: "Hier signiert Gott...ab 14 Uhr". - Ich sage Ihnen: Das war eine Aufregung dort.
Gott kam natürlich nicht zum Signieren - man kann ja nicht ständig omnipräsent sein. Also ein umfassendes Geschenk an die Welt, an Deutschland, an Thüringen. Aber ich wollte mich wenigstens Ihnen mal vorstellen. das ist das Mindeste, was Sie von mir erwarten können. Der Rest folgt gleich.
In diesem Sinne...
Mittwoch, 7. Juli 2010
Nationalhymne
Das Leben schreibt die besten Geschichten.
Hier ist eine aus dem Saarland...
Hier ist eine aus dem Saarland...

Professor Robert Leonardy aus Saarbrücken hält sich bei der Fußball-WM 2010 oft die Ohren zu. "Die deutsche Hymne wird in Südafrika falsch gespielt", sagt er. "Bei dem Part 'Einigkeit und Recht und Freiheit' wird statt eines Dominant-Sept-Dur-Akkords mit einer Terz im Bass ein Moll-Akkord gespielt." Und der Musikexperte fordert: "Das muss korrigiert werden. Wir werden nur Weltmeister, wenn unsere Hymne richtig gespielt wird."
Dienstag, 1. Juni 2010
Was haben wir da bloß angerichtet?
Dabei macht den Erfolg der Sendungen das darwinistische Konzept aus: der oder die Stärkste gewinnt. Und wir, das Publikum, dürfen ganz ungeniert Gott spielen, entscheiden über Gewinner und Verlierer, späteren Größenwahn oder eine Einweisung in die Nervenklinik nach erfolgtem Rausschmiss, Tod oder Überleben. Angetrieben von sprücheklopfenden Juroren feiern wir unsere Siege, ergötzen uns an dramatischen Zusammenbrüchen der Ausgeschiedenen, trinken deren Tränen. Wir sind das römische Pleps, die Zuschauer der Gladiatorenarena, zeigen mit dem Daumen hoch oder runter. Manchmal ist es auch unser Finger auf der Tastatur des Telefons oder Handys.
Dass wir uns dabei keine Gedanken machen müssen, über die Moral unseres Handeln, liegt daran, dass ja jeder Kandidat prinzipiell weiss, auf welch sadomasochistisches Spiel er resp. sie sich da einlässt. Und wenn sich, wie bereits geschehen, jemand vor Lampenfieber in die Hose macht, dann hält die Kamera voll drauf und keiner aus der Jury schützt den Kandidaten sondern es gibt immer Jurymitglieder, die zwar privat ihre eigenen Frauen schlagen, aber sich aus Ausgleich dazu in der Sendung über den verzweifelten Menschen vor dem Jurytisch lustig machen. Gut, nachher gibt es für die Demütigung eine Geldstrafe wegen eines Verstosses gegen das Jugendschutzgesetz, aber die zahlt ein Dieter Bohlen, der in jeder Show fernsehgerecht die Hemden seines Werbepartners wirksam vor der Kamara präsentiert, mit links.
Bohlen hat nämlich neben seinen eigenen Gagen für die Teilnahme an seinen Casting-Sendungen und den Werbeeinnahmen von Textil- und anderen Firmen, auch noch einen großen finanziellen Anteil an der Vermarktung der späteren Gewinner. Über seine Firmen liefert er nicht nur die erfolgreichen Songs für die jeweigen Shows, nein, er managt auch einzelne Karrieren der Gewinner vom Musikstil übers Video bis hin zur Garderobe. Ein Mensch wie er ist für solche Castings-Shows unverzichtbar, verfügt er doch über alle nötigen Kontakte in der Musik- und der TV-Branche und garantiert dem TV-Sender so, dank der Zusammenarbeit mit grossen Labels, für einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer längerfristige Erfolge mit Songverkäufen. Dieser Deal geht immer auf und ist ein Kompensationsgeschäft: der TV-Sender generiert die Popularität und bekommt dafür später Geld zurück aus den Plattenverkäufen.
"Ich finde Dich ja gar nicht so schlecht", pflegt einer wie Bohlen stets zu sagen um dann einen coolen Spruch aus der Feder eines Ghostwriters anzufügen, der den gerade zur Hinrichtung anstehenden Delinquenten gar nicht kennen konnte und deshalb so wieder persönlich aus dem Schneider ist. "Ich finde Dich ja gar nicht so schlecht...", sagt Bohlen "...als Figur in der Geisterbahn oder Brechmittel, wenn ich mal kotzen muss" und ist damit der Prototyp für andere. Heinde KLum quält ihre Kandidatinnen beim Model-Contest mit ... langen ... Pausen ... ... zwischen ... ihren Worten, bevor sie ... sagt ... "Ob ... Du ... weiterkommst ... erfährst Du ... ... ... gleich nach der Webung."
Und weil noch niemand etwas gegen solche Art der Volksverdummung unternimmt, wird uns dieser Casting-Spuk im Fernsehen mit Sicherheit auch noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Trotz leicht rückläufiger Quoten mangelt es hierzulande weiterhin nicht an nützlichen Idioten, die berühmt werden wollen. Der Andrang, sich vor laufender Kamera für immer zum Affen zu machen, weil man doch sein "Bestes" gibt und jeder sehen kann, wie limitiert dieses "Beste" ist, hält unvermindert an. Wahrscheinlich sogar, wenn es darum geht, "Germanys next Adolf Hitler" zu werden.
Mittwoch, 12. Mai 2010
Der mittlere Osten
„Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben.“
Napoleon Bonaparte
Napoleon Bonaparte
Ich heiße Thorsten, mit "Th", und komme aus dem Westen. Seit ich kurz nach der Wende mit etlichen andern Gleichgesinnten in die Neufünfländer gekommen bin, bemühe ich mich, so zu werden, wie die Ostdeutschen Ureinwohner dort. Im grunde fanden die das weder rührend, noch befremdlich, sondern selbstverständlich, wollte ich doch viel von ihnen lernen. Das hatte ich mir, getreu dem Motto der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in der DDR, "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", vorgenommen. Und meine neuen Mitbürger halfen ihrem neuen Mitbürger, sich zu assimilieren, zumindest aber nicht sofort überall unangenehm aufzufallen.
Also wohne ist seit 1991 im mittleren Osten, wähle treu die linke Staatspartei, versuche mich konsequent von der Macht des kapitalistischen Marktes zu emanzipieren und zog mich anfangs sogar so an, wie ich dachte, dass sich der geborene Ostdeutsche anzieht. Ich kaufte in Antiquariaten Bücher über DDR-Fernsehserien, recherchierte alles über russische Panzern, kollektive Töpfchensitzungen, IMs und Braunkohleabbau, konnte schnell bei Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herrn Fuchs und Frau Elster mitreden und war allzeit bereit, mich zum Einbürgerungstest schwierigsten Prüfungsfragen zu stellen: "Wieviel PS hat ein Wartburg 353"?, "An welcher Schule wurde der Film 'Alfons Zitterbacke' gedreht?" oder "Wie hieß Margot Honecker mit Mädchenname?"
Ich sammelte Dinge, die aus der volkseigenen Konsumgüterproduktion noch zu haben waren; zuerst alles, später dann aus Platzgründen nur noch flache Dinge. Ich versuchte, möglichst viel über das Leben in der Zone in Erfahrung zu bringen und veränderte meine Sprache dahingehend, dass ich "Briefmorke" statt "Briefmarke" sagte, oder "No" statt "Ja" und ging sogar soweit, in manchen Regionen Thüringens, in denen der eine so aussieht, wie der andere heißt, also entweder Vorkäufer oder Agathe, an möglichst viele Verben ein "e" anzuhängene.
Auch ging ich mit den Jahren dazu über, auf Fangfragen wie "Na, wie geht es ihnen?" nicht mit Floskeln wie "Ich kann nicht klagen" oder "Super" zu antworten und über "Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder" zu berichten, sondern fing an zu stöhnen und ausführlich mein Leid zu erwähnen, selbst dann, wenn es mir persönlich gar nicht besser hätte gehen können. Man kann sich vorstellen, wie schwierig das Ganze für mich war, wenn man in einem Land aufgewachsen ist, in dem es sofort käufliche Autos, Nesquick Bananengeschmack und die "BILD"-Zeitung gab.
Eines Tages kam in einer Unterhaltung mit einem ostdeutschen Mitmenschen über das Führen des Hausbuches, neben peinlichem Unwissen meinerseits für drei Sekunden ein klein wenig hessischer Dialekt zum Vorschein. Mein Gegenüber sah ich entgeistert an und sagte dann: "Ich hätt es wissen müssen". Was er hätte wissen müssen, wollte ich wissen. "Du bist ein Thorsten mit 'Th'. Unsere Torsten werden alle ohne 'h' geschriebene". - Das saß!!! Zumal ich im Westen schon voll als Ossi akzeptiert bin, sobald das Gespräch darauf kommt, wo ich wohne.
"Ach, von drüben kommen sie? Merkt man gar nicht." Die meinen das vermutlich sogar als Kompliment. Bei einem Barbeque in Meerbusch wollte man doch allen Ernstes von mir wissen, ob man "früher ind er DDR" auch gegrillt hätte? Ob man dort "auch" Holzkohle gehabt hätte? Mir war nicht sofort klar, ob es sich angesichts der Thüringer Bratwurst nur um eine Dummheit oder um reine Frechheit handelte.
Als jemand, der weiß, wie wichtig es in der DDR war, sich anzupassen, antwortete ich natürlich wahrheitsgemäß: "Nachdem man den Grill mit Holzkohle bestückt und diese angefeuert hatte, wurden anschließend Fleisch oder Würste auf den Rost gelegt", sagte ich. Es folgte verblüfftes Schweigen, das erst beendet wurde, als ein anderer Gast jahrzehnte alte Gruselgeschichten von Transitreisen nach West-Berlin berichtete.
Vorsichtshalber habe ich nun meinen Vornamen um ein "h" gekürzt und versuche niemals zu vergessen, dass ein Wartburg 353 fünfzig PS hat, 'Alfons Zitterbacke' an der Nordschule in Jena gedreht wurde und Margot Honecker mit Mädchenname "Feist" hieß. Ich hoffe, dass mir irgend jemand irgendwann einmal ein Bienchen dafür gibt.
Sonntag, 7. März 2010
Strelitz und der Rolladen
Strelitz war zu Besuch in Fechenheim. Nichts weltbewegendes an sich, aber er war fast 18 Monate nicht mehr in Fechenheim gewesen. Mehr als 10 Jahre hatte er dort gelebt und unter anderem herausgefunden dass "Let it be" nicht nur "Lass es sein" sondern eher "Lass es geschehen" heißen kann. Was das letztendlich für ihn bedeutetn würde, das lernte er aber erst nach dieser einen Nacht bei Conny und Bob kennen.
Conny und Bob waren gute Bekannte von ihm. Beide hatten sich auf Jamaica kennen- und lieben gelernt und lebten nun in Fechenheim. Eine 3-Raumwohnung nannten sie ihr eigen und dort war Strelitz zu Besuch. Eigentlich wollten sie sich gemeinsam die Nacht der Oscar-Verleihung ansehen, aber Strelitz war zu müde um durchzuhalten, also legte er sich gegen 0 Uhr ins Bett und verbrachte die Zeit bis zur Hollywood-Zeremonie mit dösen.
Als er gegen 3 Uhr wach wurde, hatte die Show um den kleinen goldenen Nicht-Trommler bereits begonnen und Conny und Bob lagen schon im Wohlfühlbett. Das schmälerte Strelitzens TV-Abenteuer aber nicht im geringsten. Nachdem es im Wohlfühlbett ruhiger geworden war, ließen echte schauspielerische Leistungen auch im Fernsehen nicht lange auf sich warten. Die Herren der Ringe wurden nach und nach mit kleinen Metalhobbits verwöhnt, eine wunderschöne Denkerstirn (im Kino von einem ehemaligen Gladiator verkörpert), holte trotzdem noch auf und Strelitz spürte, dass dies so eine Nacht war, in der alles geschehen konnte.
Und tatsächlich: Kaum einer der als Favorit gehandelten Schauspieler bekam seinen langerwarteten Preis, dafür sprach die anglo-amerikanische Ausgabe des Völkischen Beobachters später von einer "schwarzen Nacht für Hollywood", dennn Whoopi Goldberg moderierte, Denzel Washington wurde bester Hauptdarsteller, Sidney Poitier bekam den Ehren-Oscar und Halle Berry
, die in ihrem aktuellen Film ganz so an die Scheibe trommelte wie einst der Hausherr bei den Flintstones (nur dass sie anstatt "Wilma" hysterisch "My Baby" schrie), Halle Berry also wurde unter den entsetzten Augen von Nicole Kidman zur besten Schauspielerin gekürt.
Die erste Farbige in vierundsiebzig Jahren Hollywood-Awards. Und weil Gwynneth Paltrow bei ihrer Krönung einst vor dem Saal-Mikrophon einem solchen Weinkrampf verfiel, dass sie allein hierfür schon einen Oscar verdient gehabt hätte, wollte Mrs. Berry nun beweisen, dass die Schwarzen Frauen den weißen durchaus das Taschentuch reichen oder besser gesagt vollheuen können. Um es kurz zu machen: Hally schlug Gwynneth um Längen und James Cameron war so bewegt, dass ihn Mrs. Berrys Wasserfall spontan zum Remake des eigenen Katastrophenfilm inspirierte; aber das ist eine andere Geschichte.
Um kurz nach sehs Uhr an diesem Morgen ging Strelitz ob solcher Fernsehereignisse befriedigt, wie selten nach einer langen Hollywood-Nacht, in die Küche von Conny und Bobs Wohnung und öffnete den Rolladen. Das heißt: Er versuchte ihn zu öffnen. Auf halber Strecke jedoch entschloss sich der Rolladen anders, löste seinen Sicherheitsgurt und fiel, einer Guilloutine gleich nach unten. So muss es sich angehört haben, dachte Strelitz, als die Franzosen 1789 ihren heißgeliebten König einen tiefen Einblick in die Bastkörbe der neuen Republik verschafften. Und was hatte es den Franzmännern gebracht? Schon wenige Jahre später hatten sie einen kleinen, dicken Korsen als neuen König und Weltbeherrscher. Aber den Versuch war es alle Mal wert, denken sich heute noch die Franzosen. In Fechenheim und 209 Jahre später war es dann nicht ganz so schlimm gekommen, denn Strelitzens Fallbeil hatte nur die frisch geknospeten Blumen auf Connys Fensterbank erwischt und die ließen nun ihre Köpfe hängen.
Was, so fragte sich Strelitz, war jetzt zu tun? Conny und Bob lagen immer noch fest in Morpheus Armen. Sollte er sie indiskret wecken und vom Fall des Rolladens erzählen? Das schien ihm keine gute Idee, denn sicherlich würden sie ihn fragen, warum er sie '89 in der Nacht des Mauerfalls nicht geweckt hatte, dies aber jetzt wegen eines defekten Rolladens tat.
Sollte er es vielleicht verschweigen? Auch das schien ihm keine gute Lösung. Natürlich, der Gurt ist schnell wieder in den Rolladenkasten gezwängt, der Rolladen provisorisch fixiert bis zum nächten Zug am Gurt. Und Strelitz könnte dann das Unschuldslamm spielen, so als hätte er mit der Sache absolut nichts zu tun. Aber entsprach so etwa tatsächlich seinem Stil? - Nein.
Die Beatles kamen ihm in den Kopf. "Lass es sein" oder "Lass es geschehen", das war hier die Frage. Und Strelitz lies es sein. Das Schwindeln. Er erzählte Conny und Bob nach deren Erwachen heroisch, dass es allein seine Schuld war, die reine Schuld und nichts als die Schuld von ihm. Und dann kaufte er einen neuen Rolladengurt, schraubte die komplizierte Abdeckung des Rolladens ab und schob den Rolladen nach oben, befestigte den neuen Gurt, schraubte alles wieder zusammen, montierte das Ende des neuen Gurtes an der unteren Rolle und alles war wieder gut und alle waren zufrieden. ... Soweit jedenfalls sein Plan. Die Sache hatte nur einen einzigen Haken: Die Rolladen-Fachgeschäfte hatten bis mindestens um neun Uhr morgens noch geschlossen. Und um diese Zeit wollte er gereits wieder auf der Rückfahrt nach Hause sein
.
Also schrieb er einen Zettel und legte den in die Küche. Auf dem stand: "Danke für alles. Ich musste weg und ihr habt noch geschlafen. Aber Ihr solltet gelegentlich einmal den Rolladen nachschauen; als ich ihn öffnen wollte hat er so komisch gequietscht." Es ist nicht leicht ein Held zu sein, dachte Strelitz, packte leise seine sieben Sachen und fuhr dem neuen Tag entgegen. In einem offenen Ford Mustang Baujahr '64. Im linken Arm die nicht verliehenen Oscars und im rechten Halle Berry.
Film, dachte Strelitz, kann so schon sein - Film eben! Das Leben dagegen ist manchmal echt grausam und er musste an die Blumen auf Connys Fensterbank denken und dann kamen ihm die Tränen. Mit feuchten Augen sah er Halle Berry an und die wischte ihm seine Tränen aus dem Gesicht und beide fuhren so lange in den Sonnenaufgang bis sie darin verschwanden. Kurz darauf waren dann auch die auf der Rückbank des Mustangs aneinander klappenden Oscars nicht mehr zu hören.
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Hinweis: OSCAR® & OSCARS® are the registered trademarks and service marks of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences.
(aus: "nachdenkenkommtvorlesen" © 2002 von rainerWsauer, Verlag worte &musik)
Conny und Bob waren gute Bekannte von ihm. Beide hatten sich auf Jamaica kennen- und lieben gelernt und lebten nun in Fechenheim. Eine 3-Raumwohnung nannten sie ihr eigen und dort war Strelitz zu Besuch. Eigentlich wollten sie sich gemeinsam die Nacht der Oscar-Verleihung ansehen, aber Strelitz war zu müde um durchzuhalten, also legte er sich gegen 0 Uhr ins Bett und verbrachte die Zeit bis zur Hollywood-Zeremonie mit dösen.
Als er gegen 3 Uhr wach wurde, hatte die Show um den kleinen goldenen Nicht-Trommler bereits begonnen und Conny und Bob lagen schon im Wohlfühlbett. Das schmälerte Strelitzens TV-Abenteuer aber nicht im geringsten. Nachdem es im Wohlfühlbett ruhiger geworden war, ließen echte schauspielerische Leistungen auch im Fernsehen nicht lange auf sich warten. Die Herren der Ringe wurden nach und nach mit kleinen Metalhobbits verwöhnt, eine wunderschöne Denkerstirn (im Kino von einem ehemaligen Gladiator verkörpert), holte trotzdem noch auf und Strelitz spürte, dass dies so eine Nacht war, in der alles geschehen konnte.
Und tatsächlich: Kaum einer der als Favorit gehandelten Schauspieler bekam seinen langerwarteten Preis, dafür sprach die anglo-amerikanische Ausgabe des Völkischen Beobachters später von einer "schwarzen Nacht für Hollywood", dennn Whoopi Goldberg moderierte, Denzel Washington wurde bester Hauptdarsteller, Sidney Poitier bekam den Ehren-Oscar und Halle Berry
, die in ihrem aktuellen Film ganz so an die Scheibe trommelte wie einst der Hausherr bei den Flintstones (nur dass sie anstatt "Wilma" hysterisch "My Baby" schrie), Halle Berry also wurde unter den entsetzten Augen von Nicole Kidman zur besten Schauspielerin gekürt.Die erste Farbige in vierundsiebzig Jahren Hollywood-Awards. Und weil Gwynneth Paltrow bei ihrer Krönung einst vor dem Saal-Mikrophon einem solchen Weinkrampf verfiel, dass sie allein hierfür schon einen Oscar verdient gehabt hätte, wollte Mrs. Berry nun beweisen, dass die Schwarzen Frauen den weißen durchaus das Taschentuch reichen oder besser gesagt vollheuen können. Um es kurz zu machen: Hally schlug Gwynneth um Längen und James Cameron war so bewegt, dass ihn Mrs. Berrys Wasserfall spontan zum Remake des eigenen Katastrophenfilm inspirierte; aber das ist eine andere Geschichte.
Um kurz nach sehs Uhr an diesem Morgen ging Strelitz ob solcher Fernsehereignisse befriedigt, wie selten nach einer langen Hollywood-Nacht, in die Küche von Conny und Bobs Wohnung und öffnete den Rolladen. Das heißt: Er versuchte ihn zu öffnen. Auf halber Strecke jedoch entschloss sich der Rolladen anders, löste seinen Sicherheitsgurt und fiel, einer Guilloutine gleich nach unten. So muss es sich angehört haben, dachte Strelitz, als die Franzosen 1789 ihren heißgeliebten König einen tiefen Einblick in die Bastkörbe der neuen Republik verschafften. Und was hatte es den Franzmännern gebracht? Schon wenige Jahre später hatten sie einen kleinen, dicken Korsen als neuen König und Weltbeherrscher. Aber den Versuch war es alle Mal wert, denken sich heute noch die Franzosen. In Fechenheim und 209 Jahre später war es dann nicht ganz so schlimm gekommen, denn Strelitzens Fallbeil hatte nur die frisch geknospeten Blumen auf Connys Fensterbank erwischt und die ließen nun ihre Köpfe hängen.
Was, so fragte sich Strelitz, war jetzt zu tun? Conny und Bob lagen immer noch fest in Morpheus Armen. Sollte er sie indiskret wecken und vom Fall des Rolladens erzählen? Das schien ihm keine gute Idee, denn sicherlich würden sie ihn fragen, warum er sie '89 in der Nacht des Mauerfalls nicht geweckt hatte, dies aber jetzt wegen eines defekten Rolladens tat.
Sollte er es vielleicht verschweigen? Auch das schien ihm keine gute Lösung. Natürlich, der Gurt ist schnell wieder in den Rolladenkasten gezwängt, der Rolladen provisorisch fixiert bis zum nächten Zug am Gurt. Und Strelitz könnte dann das Unschuldslamm spielen, so als hätte er mit der Sache absolut nichts zu tun. Aber entsprach so etwa tatsächlich seinem Stil? - Nein.
Die Beatles kamen ihm in den Kopf. "Lass es sein" oder "Lass es geschehen", das war hier die Frage. Und Strelitz lies es sein. Das Schwindeln. Er erzählte Conny und Bob nach deren Erwachen heroisch, dass es allein seine Schuld war, die reine Schuld und nichts als die Schuld von ihm. Und dann kaufte er einen neuen Rolladengurt, schraubte die komplizierte Abdeckung des Rolladens ab und schob den Rolladen nach oben, befestigte den neuen Gurt, schraubte alles wieder zusammen, montierte das Ende des neuen Gurtes an der unteren Rolle und alles war wieder gut und alle waren zufrieden. ... Soweit jedenfalls sein Plan. Die Sache hatte nur einen einzigen Haken: Die Rolladen-Fachgeschäfte hatten bis mindestens um neun Uhr morgens noch geschlossen. Und um diese Zeit wollte er gereits wieder auf der Rückfahrt nach Hause sein
.
Also schrieb er einen Zettel und legte den in die Küche. Auf dem stand: "Danke für alles. Ich musste weg und ihr habt noch geschlafen. Aber Ihr solltet gelegentlich einmal den Rolladen nachschauen; als ich ihn öffnen wollte hat er so komisch gequietscht." Es ist nicht leicht ein Held zu sein, dachte Strelitz, packte leise seine sieben Sachen und fuhr dem neuen Tag entgegen. In einem offenen Ford Mustang Baujahr '64. Im linken Arm die nicht verliehenen Oscars und im rechten Halle Berry.
Film, dachte Strelitz, kann so schon sein - Film eben! Das Leben dagegen ist manchmal echt grausam und er musste an die Blumen auf Connys Fensterbank denken und dann kamen ihm die Tränen. Mit feuchten Augen sah er Halle Berry an und die wischte ihm seine Tränen aus dem Gesicht und beide fuhren so lange in den Sonnenaufgang bis sie darin verschwanden. Kurz darauf waren dann auch die auf der Rückbank des Mustangs aneinander klappenden Oscars nicht mehr zu hören.
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Hinweis: OSCAR® & OSCARS® are the registered trademarks and service marks of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences.
(aus: "nachdenkenkommtvorlesen" © 2002 von rainerWsauer, Verlag worte &musik)
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